Life at 30: Wollen wir wirklich so ein „optimiertes” Leben?

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In scheinbar allen Bereichen sind wir ständig dabei unseren Alltag zu optimieren. Aber wollen wir wirklich so ein „optimiertes” Leben?

In einem Artikel habe ich einmal gelesen, dass Apple-Chef Tim Cook jeden Tag um 3.45 Uhr aufsteht. Damit ist er natürlich nicht allein. Auch Unternehmer Richard Branson soll ein absoluter „early bird” sein. Aus solchen Stories geht häufig das Fazit hervor: Wenn Du Dein Leben so strukturierst und den Alltag so zeitlich optimierst, dann wirst auch Du so erfolgreich sein wie diese Über-Unternehmer. (Obwohl meist dahintersteckt, dass sie so viele Meetings haben, dass sie nur in den frühen Morgenstunden wirklich Zeit allein haben, um etwas Privates zu tun, oder eine Sache in Ruhe abzuarbeiten.)

Diese „Erfolgsstories für ein optimiertes Leben bzw. einen optimierten Alltag” führen dann zu Business-Ratgebern, eBooks und und und.

Dieses Optimieren des Tages bis ins kleinste Zeitfenster

Das Leben und den eigenen Alltag zeitlich bis aufs Kleinste zu optimieren, das ist ein Trend, den ich skeptisch sehe. Besonders aus den USA kenne ich diese „optimierten Tage”. Da wird weniger geschlafen, damit man früher aufstehen kann und abends aber trotzdem noch ein soziales Leben hat. Sport wird rigoros nach dem Aufstehen eingeplant. Dann gesundes Frühstück, eventuell Kinderbetreuung organisieren und direkt mit den Job-To-Dos durchstarten. Abends noch den Haushalt schmeissen während das Hörbuch auf die Ohren kommt (ist ja auch super effektiv). Beziehungsweise: Es werden gar nicht die „ganzen Bücher” gelesen oder gehört. Wer hat dafür denn Zeit? Lieber so eine App mit Zusammenfassungen nutzen. Dann kann man Zeit sparen und trotzdem am Abend beim Essen mit Freunden „mitreden”.

In meinem Alltags-Szenario von oben fehlt eigentlich nur noch (was sicher in ein paar Jahren dazu kommen wird) die ständige digitale Überwachung des eigenen Körpers. Ich höre schon die Computerstimme sagen: „Heute musst Du Vitamin D supplementieren.” Also ein Meeting nach draußen in die Sonne verlegen, aber nur um das Ziel zu erreichen, weniger für den Genuss. Ich warte nur darauf (hoffentlich nicht), bis uns eine Tablette mit allem versorgt, was wir brauchen, und wir deshalb keine „unnötige Zeit” mehr mit essen und kochen „verschwenden” müssen.

Optimiertes Leben: Erfolg wird oft daran gemessen, was wir alles in einen Tag pressen können

„Wow, wie schaffst Du das nur alles?” „Was Du heute alles geschafft hast!” Unser Leben hat, wenn man es gesellschaftlich als erfolgreich betrachten will, sehr viel mit Effektivität und Effizienz zu tun. Und ist so häufig eine einzige und ständige Selbstoptimierung.

Aber ist das das Leben, das wir wirklich führen wollen? Ist solch ein optimiertes Leben wirklich erstrebenswert?

Wenn ich an die Tage denke, die mich so richtig erfüllt haben in meinem Leben. Die mir so viel gegeben haben. Energie. Kreativität. Lebensfreude. Glücksgefühle. Dann sind das nicht die „durchoptimierten” Tage. Es ist der Tag am Meer mit dem Gesicht in der Sonne. Oder der kulturelle Austausch auf einer inspirierenden Reise. Das spontane „Neues ausprobieren” oder treiben lassen. Aber auch einfach ein Spaziergang mit der besten Freundin in der schönsten Abendsonne mitten in der Natur. Oder das Versinken in ein richtig, richtig gutes Buch bei mir auf dem kleinen Balkon mitten in der Stadt.

Fällt Euch etwas auf? Es sind die „Pausen”, die „Nichts zu tun haben”-Momente. Die mir die meisten Glücksgefühle bescherten. Klar, das Abhaken der To-Do-Liste kann auch ein gutes Gefühl bringen. Und ich nutze selbst Tricks, um mir in meinem Arbeitsalltag mehr Struktur und Motivation zu ermöglichen. Es geht mir um dieses „alles optimieren bis in die letzte Ecke”. Oft sogar auf der Suche nach einem glücklichen, erfüllten Leben. Wenn doch eigentlich auffällt, dass das wahre, richtige Glück wohl da zu warten scheint, wo wir mal nicht den Tag „durchgetaktet” haben.

Selbstfindung und Selbstverwirklichung statt Selbstoptimierung

Wir sollten mehr auf uns selbst hören. Und nicht auf das, was scheinbar ein „perfektes, erfolgreiches Leben” ausmacht.

Ich will, dass eine Yoga-Session nicht zur Selbstoptimierung dient, sondern zur Selbstfindung. Und die Sporteinheit nicht Zwang, sondern Freude ist. Auch mal ausfallen darf, wenn man sich nicht danach fühlt.

Ich wünsche mir, dass Schlaf höher priorisiert und nicht als „leider notwendige Zeitverschwendung” gesehen wird. Pausen nicht als Zeichen von Schwäche und „nicht durchziehen können” gelten. Sondern als pure Lebensqualität.

Und eigentlich… Ja eigentlich wünsche ich mir, dass Erfolg neu definiert wird. Als: Ich lebe mein Leben genau so wie ich es will. Wie es mir gut tut und wie es mich glücklich macht. Jeden Tag. Und nicht als: Wie kann ich jeden Tag noch effektiver gestalten? Noch mehr Dinge möglichst gleichzeitig tun? Wer verdient am meisten? Wer ist am beschäftigsten? Wer schafft es möglichst viel in seinen Tag zu pressen?

Selbstverwirklichung anstelle von Selbstoptimierung. Und vielleicht rennen wir dann irgendwann nicht mehr durchs Leben auf der großen Suche nach dem Glück hinter der Ziellinie.


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