Life at 30: Warum immer dieses Shaming?

In: Life at 30
shaming suelovesynyc_susan_fengler_shaming_hamburg_alster_life_at_30_kolumne

Shaming – das bekomme ich im Life at 30 so oft mit, wie gerade Tore bei der EM fallen. Warum müssen wir andere immer verurteilen?

Okay, vielleicht triggert mich das alles, weil ich beruflich jeden Tag Social Media nutze. Mehr als es andere wahrscheinlich privat tun. Und da ist das mit dem Shaming auf einer Skala von 1 bis 10 so ungefähr bei 538. Wohl weil es so einfach ist sich hinter der teilweisen Anonymität des Internets zu „verstecken”. Heute geht es mir allerdings nicht um das viel diskutierte Bodyshaming, sondern, dass mittlerweile einfach so viel verurteilt wird. Egal wie man sich verhält. Du. Kannst. Es. Einfach. Nicht. Richtig. Machen.

Online bekomme ich es so, so oft mit. Aber auch im Offline-Leben. Vor allem, weil das jetzt ja auch wieder so richtig startet. Man mehr „unter Menschen” ist. Oder überhaupt mal wieder.

Als ich Pre-Covid noch jede Woche U-Bahn gefahren bin (aktuell nehme ich fast immer das Fahrrad bei dem schönen Wetter), da ist es mir so oft aufgefallen. Dieses Verurteilen. Da wird die Mom mit drei Kids kritisch beäugt, weil der Kleine die Füße auf den Sitz nimmt. „Die hat ihre Kinder ja null unter Kontrolle.”

Naja, aber bei Fremden kann man Blicke und Kommentare ja meist noch ganz gut abschütteln. (Obwohl ich letzte Woche bei Marie Nasemann online zum Beispiel einen Mom-Shaming Kommentar gelesen habe, der mich auf die Palme brachte, obwohl er weder an mich gerichtet war, noch in meinem näheren Umfeld auftrat.)

Shaming: Von „guten” Ratschlägen und verurteilen

Wir sind alle unterschiedlich. Und genau das ist doch sowas von großartig. Wäre doch so langweilig wie einen Thriller zum zweiten Mal zu lesen, wenn alles immer nur zu einem Einheitsbrei zermatscht wird.

Aber machen die anderen etwas anders als wir es selbst machen würden… Schock! Kritik statt Akzeptanz. Lästern.

„Hast Du gehört, dass sie ohne ihren Mann in den Urlaub fährt? Schon komisch, oder?” „Die steckt Ihr Kind sofort wieder in die Kita. Wofür hat sie denn überhaupt eins?” „Immer ist sie nur mit der Arbeit beschäftigt. Die genießt ihr Leben ja gar nicht.” „Die achtet ja null mehr auf die Corona-Regeln. Total fahrlässig.” Und der Gegenpol: „Die ist einfach zu übervorsichtig. Was soll denn schon passieren?”

Was auffällt? Aus meiner Erfahrung kommt das mit dem Shaming im Alltag (egal ob online oder offline) zu 90% von anderen Frauen. Wo sind die ganzen „Female Empowerment”-Rufe und das „Wir sind gemeinsam stark” da?

Im Life at 30 lernt man sehr schnell, wie ich finde, dass man es irgendwie auch nie so ganz „richtig” machen kann. Es gibt eigentlich immer etwas zu verurteilen. Zu viel zu arbeiten, zu laid-back zu sein. Keine Kinder zu haben oder mit den Kindern nicht „entsprechend” umzugehen. Eine/n Partner*in zu haben, aber trotzdem unabhängig zu sein, oder eben zu anhänglich. Oder nicht vergeben zu sein. Ich könnte noch ewig so weitermachen.

Das Nervigste ist, wenn das Shaming so als „guter Rat” getarnt ist. Gern mit dem Zusatz „Ist ja nicht böse gemeint, ABER…” Ganz ehrlich: Sobald es diesen Zusatz benötigt, entweder alles noch einmal ganz genau überdenken… Oder einfach mal (jetzt kommt der innovativste Vorschlag schlechthin): Nichts sagen.

Psychologisch gibt uns das Verurteilen anderer ein Gefühl, dass wir es besser machen. Oder etwas für uns rechtfertigen, von dem wir eigentlich gar nicht so überzeugt sind. Manchmal sogar ein Gemeinschaftsgefühl, indem wir uns gemeinsam abgrenzen zu jemand anderem.

Aber wenn wir ganz genau in uns reinhorchen, dann merken wir, dass dieses Verurteilen auch so richtig giftig ist in uns. Dass es uns zum schlechteren Menschen macht.

Früher gab es so eine StudiVZ-Gruppe. Die hieß: „Wir lästern nicht, wir stellen nur fest.” Lasst uns das einfach sein lassen. Auch dieses scheinbar so harmlose „Feststellen”.

Bild: Dennis Kayser


Diese Beiträge könnten dich auch interessieren

1 Kommentare

  • Caro

    3. Juli 2021 at 13:05

    Danke liebe Sue. Gerade heute genau die richtigen Worte für mich.

    Ich frage mich so oft wieso wir so oft einfach gegeneinander statt miteinander arbeiten müssen und dann in Zeiten Social Medias die Leute auch noch öffentlich bloßzustellen und zu verletzen. Es ist okay anderer Meinung zu sein und es ist okay Kritik zu äußern so lange sie konstruktiv ist. Aber diese mit den Finger auf andere Zeigen Kultur die aktuell herrscht finde ich auch sehr sehr schade 🙁

    Antworten

Hinterlasse ein Kommentar

Mit der Nutzung dieses Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten (Name und Email Adresse) durch diese Website einverstanden. Weitere Informationen findest du in der Datenschutzerklärung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.