Less Stress Impuls: Lass nicht die Entspannung zum Stress werden (und zur Selbstoptimierung)

In: Achtsamkeit
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„Ich muss noch schnell Yoga machen.” „Mist, ich habe heute vergessen zu meditieren.” Oft habe ich das Gefühl wir wollen unser Leben durch Achtsamkeit wieder nur optimieren. Lass nicht die Entspannung zum Stress werden.

Ich rate jedem der es hören will (und auch denen, die es nicht hören wollen), dazu, bewusster und achtsamer mit dem eigenen Leben umzugehen. Weil ich es so gut kenne, wenn man so durchs Leben rast. Und selbst die schönsten Momente gar nicht richtig mitbekommt, weil man im Kopf schon wieder zehn Schritte weiter oder ganz woanders ist. Ich war bei einem meiner tollsten beruflichen Erlebnisse in den USA so in meinem Stresswahn und so im Job-Druck, dass ich erst viel später realisiert habe, was ich da eigentlich tolles erlebt habe (und nicht richtig genießen konnte).

Vielleicht ist es mir wegen meiner eigenen Stress-Erfahrungen so ein Anliegen, dass Achtsamkeit und Entspannung nicht der neueste Trend zur Selbstoptimierung werden sollten. Gerade sind gefühlt nämlich beinahe alle Weichen in diese Richtung gestellt.

Lass nicht die Entspannung zum Stress werden und zu einer neuen Form der Selbstoptimierung

Der Less Stress Impuls in diesem Monat ist ein klein wenig anders als die vorherigen. Es geht mir hier mehr um ein Aufrütteln, um ein Bewusstsein, das ich schaffen möchte.

Wenn Du Dein Leben bewusster und achtsamer leben möchtest, dann geht es nicht um Perfektion.

Es geht nicht darum, den eigenen Alltag bis auf die Spitze weiter zu optimieren. Nur eine Achtsamkeits-Checkliste abhaken zu können. Und ja alles an einem Tag „erledigt zu haben”.

20 Minuten spazieren – check, Bewegung/Sport – check, Meditation – check. Wenn etwas „nicht geschafft wurde”, dann kommt er wieder der eigene Selbstoptimierungs-Druck.

Ich liebe Yoga. Weiß wie gut es mir tut. Und habe Monate, da praktiziere ich es jeden Tag 20-30 Minuten lang. Dann habe ich Wochen, da fühle ich mich nicht jeden Tag danach und es geht nur 2-3 Mal die Woche auf die Matte. Oder ich mache einfach abends vor der Netflix-Serie ein paar Stretching-Übungen und gar kein Yoga.

Obwohl ich geführte Meditationen liebe und damit sehr gern einschlafe, habe ich an manchen Abenden einfach mal so gar keinen Bock auf meine liebste Meditations-App. Und dann lasse ich sie einfach aus.

Achtsam leben hat nichts mit Abhaken und „erledigen” zu tun

Immer häufiger habe ich in Gesprächen das Gefühl, dass meine Tipps für den Alltag in der Kategorie „abarbeiten” auftauchen. „Ich muss noch Yoga machen/spazieren/eine Atemübung machen…”

Ganz ehrlich: Solche Momente hatte ich anfangs auch. Möglichst alles, das mir gut tut und das ich neu gelernt habe, in einen einzigen Tag pressen. Aber genau das ist doch wieder das Gegenteil von dem, was wir in einem achtsameren Leben erreichen wollen. Lass nicht die Entspannung zum Stress-Faktor werden.

Oft höre ich auch: „Ich schaffe es einfach nicht bei der Meditation an nichts zu denken.” Als sei man nicht gut genug und nicht fähig genug zu meditieren. Dabei ist es ganz normal, dass man weiter Gedanken hat. Es geht vielmehr darum, sich nicht auf sie zu konzentrieren, sondern sie auch ziehen lassen zu können. Sich nicht zu versteifen darauf.

Ich finde es so wichtig, dass wir statt „Germany’s Next Top-Mindfulness-Pro” zu werden, einfach mehr auf uns selbst hören. Was tut mir heute/genau in diesem Moment gut? Wonach fühle ich mich? Außerdem mal das Tempo rausnehmen statt es mit dem Abhaken der Achtsamkeits-Checkliste sogar noch an einem hektischen Tag zu beschleunigen. In Ruhe zwischen Videocalls eine Tasse Tee trinken und so richtig schmecken und einfach mal tief durchatmen. Kann man nicht so gut abhaken wie die Yoga-Session, aber kann durchaus noch viel wichtiger an einem stressigen Tag sein.

Mache die Dinge für Dich, nicht dafür, wie sie nach außen wirken

Es sieht auf Social Media aber natürlich so viel „besser” aus, wenn wir uns in stylishen Leggings auf die Yogamatte begeben und dabei am besten noch das Handy für ein Video aufstellen (bin ich übrigens aus mehreren Gründen im Privaten kein Fan davon). Aber in diesem Moment geht es doch um mich. Um mein Wohlbefinden. Um meine Entschleunigung. Deswegen ist ein „Oh hoffentlich sieht das jetzt nicht komisch aus”-Gedanke beim Mitdrehen eines Videos da ja eher kontraproduktiv. Apropos kontraproduktiv. Gerade wenn es um Entspannung im Alltag geht, werde ich nicht müde zu betonen: Es geht um Dich. Nicht wie Dein Leben für andere aussieht.

Für mich geht es auch um eine gesellschaftliche Änderung hierbei. Dass das Leben nicht perfekt ist und auch nicht sein sollte. Dass es in meinem Leben um meine Bedürfnisse geht. Und nicht darum, nach außen hin der „perfekteste” Mensch zu sein. Ich finde es richtig schlimm, wenn ich auf Instagram bei Kollegen die „ultimative Work-Life-Balance” vorgeführt bekomme und wenn man das Ganze dann kritisch hinterfragt, stundenlange Contentproduktion dahinterstand (und Mails beantworten von der Wellnessliege), um diese vermeintliche Balance möglichst im besten Licht präsentieren zu können. Dadurch signalisiert man als öffentliche Person seinen Followern ein völlig falsches Bild. Und kreiert wieder neuen Druck. Denn scheinbar sind ja alle andern so „perfekt” und bekommen alles spielend leicht „gewuppt” und nur man selbst ist nicht gut genug.

Der Soziologe Hartmut Rosa hat gegenüber der FAZ einmal gesagt: „Es wächst eine Generation heran, die immerzu das Gefühl hat, sie sei nicht genug. Das erzeugt eine Welthaltung, die auf Selbstoptimierung geradezu ausgerichtet ist – allerdings nicht aus Lust, sondern aus Sorge abgehängt zu werden.”

Die besagte Work-Life-Balance ist kein Wettbewerb. Es geht nicht darum, wer in einen vollen Arbeitstag möglichst noch die meisten Minuten Yoga oder den längsten Spaziergang packen kann. Lasst uns nicht mit unseren Achtsamkeits- und Entspannungs-Learnings noch mehr Druck im Alltag aufbauen. Lasst uns herausfinden, was uns gut tut und uns hilft und es in unser Leben bringen. Aber nicht als neuestes „To Do” oder gar für die Außenwirkung, sondern ganz worauf wir gerade wirklich Lust haben und wann es sich für uns gut anfühlt.

Bild: Sophie Wolter


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