Life at 30: Sagen wie es ist

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Das mache ich so häufig und wünsche es mir aber – beruflich und privat – noch so, so viel mehr. Einfach mal sagen wie es ist.

Ich bin es so Leid. Dieses Ghosting. Das „um den heißen Brei Herumreden” bei mir in der Online-Branche. Aber auch zwischenmenschlich privat. Habe nur ich das Bedürfnis, dass endlich alle damit anfangen sollten einfach zu sagen wie es ist? Was sie wirklich meinen und sagen wollen. Einfach ehrlich und direkt.

Es gibt da doch diese schlechte Hollywood-Komödie, in der die Hauptfigur plötzlich nur noch die Wahrheit sagen kann. Ach manchmal würde ich mir genau das so sehr wünschen. Ich habe schon immer lieber schonungslos die Wahrheit gehört, als Ausreden oder einfach gar nichts. Ja, gar nichts. Als ich 18 war und im Chat (ja so alt bin ich…) der Schwarm einfach nicht mehr antwortete. Nie mehr. Und ich dann später herausfand, dass er eine neue Freundin hatte. Selbst da hätte ich mir schon einen direkten Zweizeiler gewünscht. „Sorry, wir können leider nicht mehr schreiben. Habe jemanden kennengelernt.” Hätte kurz ins Herz gestochen, dass er eine andere besser findet als mich. Aber hätte mir dafür viele „durchgegrübelte” Nächte erspart.

Können wir bitte einfach sagen wie es ist

Jetzt habe ich das Bedürfnis nach dem „Sag es mir doch bitte, wie es wirklich ist” gerade häufig im Business. Ich blogge jetzt seit über einem Jahrzehnt und bin seit sechs Jahren selbständig. Und dieses E-Mail-Ghosting kann ich immer noch nicht verstehen. Ich bekomme jede Woche Job-Anfragen und versuche selbst bei den unmöglichsten Mails (Ihr würdet es nicht glauben) wenigstens kurz zu antworten. Hier für Euch etwas lustig und überspitzt dargestellt: „Hallo x, vielen Dank für Deine Mail, aber leider kann ich nicht für eine Tafel Schokolade Arbeit im Gegenwert von 2000 Euro produzieren. Gib mir doch gern Bescheid, wenn Ihr budgetär anders aufgestellt seid in Zukunft.” Fun Fact am Rande: Teilweise kamen deshalb kleine Start-Ups nach Jahren wieder auf mich zu und haben mir einen bezahlten Job angeboten. Vor Kurzem habe ich aus einem „Leider habe ich auf Eurer Website einige Schreibfehler entdeckt und kann mich deswegen nicht mit einer Kooperation identifizieren” übrigens einen Berater-Job gemacht, der am Ende größer war, als was eigentlich bei mir gebucht werden sollte (und mir als Beraterin viel Spaß gemacht hat).

Ich vermisse in meiner Branche so oft ehrliche und vielleicht auch mal richtig harte Business-Verhandlungen. Aber wenn viele Mails mir unbekannter Personen mit „Hey Liebes” beginnen, sollte ich da vielleicht auch nicht all zu viel erwarten. Dennoch. Ich kann es bis heute nicht verstehen, wie man mehrere Mails zu einer möglichen Zusammenarbeit schreiben kann und dann am Ende einfach geghostet wird. Manchmal schreibt man ein Gegenangebot, das kaum merklich finanziell abweicht und dann hört man einfach nie wieder etwas. Es gibt sogar Situationen da ist man schon richtig weit in der Planung für eine große Kampagne und plötzlich: Funkstille.

Ganz ehrlich: Würde ich das in meiner Selbständigkeit so handhaben. Ich hätte das Gefühl, bald mein wertvolles Image – nämlich sehr professionell zu arbeiten – verspielt zu haben. Ich würde mir in der Kommunikation auch beruflich so sehr wünschen, dass einfach jeder sagt, wie es ist. Das dauert doch nur wenige Sekunden via Mail.

Ja, es fühlt sich vielleicht kurz unbequem an. Aber einfach einmal ehrlich zu kommunizieren, das hat auch für mich so viel mit Respekt zu tun im beruflichen Miteinander.

Ich hätte es gerade schwer auf dem Dating-Markt

Aber auch im privaten Umfeld habe ich diese Sehnsucht nach dem „Sagen wie es ist”. Vor Kurzem habe ich zu einer Freundin gesagt, dass ich es verdammt schwer hätte auf dem Dating-Markt heutzutage. Ich schreibe das absichtlich mit diesem Wort, denn bei all dem Tindern kommt es einem wirklich ab und an vor wie ein Marketplace.

Meine Toleranz-Grenze für (Sorry, Mom) „Bullshit” ist sehr niedrig. Wenn ich die Masche schon von zehn Metern Entfernung riechen kann, dann sage ich das auch. Das sind die Männer von heute allerdings nicht mehr gewohnt. Kann mir also nur vorstellen, dass ich da mit meiner gnadenlosen Ehrlichkeit nicht all zu gut ankommen würde.

Manchmal denke ich mir, es könnte doch so einfach sein. „Ich mag Dich, Du magst mich. Lass uns doch zusammen sein.”

Deshalb bin ich häufig so verblüfft, wenn ich höre, dass das selbst nach dem x-ten Date noch nicht automatisch eine Beziehung ist. Und man da vielleicht mal drüber sprechen müsste.

Sagen wie es ist, das ist auch ein Einstehen für mich

Gerade habe ich einem neuen Business Kontakt geschrieben, ob wir unser Meeting nicht auch digital machen können. Weil ich heute am „Brückentag” mit einer unfassbar langen To-Do-Liste aufgewacht bin. Und das meinen Tag sehr entzerren würde, wenn ich meinen „Schreibtisch-Flow” nicht unterbrechen müsste, um in einen anderen Stadtteil zu fahren.

Ich hätte etwas Vorschieben können. „Fühle mich heue nicht so.” Oder: „Es kam noch überraschend ein neuer Auftrag rein.” Stattdessen habe ich es gesagt, wie es ist. Es würde meinen Tag einfacher gestalten. Ich hätte weniger Stress und es würde mir besser passen.

Genauso sage ich auch berufliche und private Einladungen teilweise sehr ehrlich ab. Weil ich für mich selbst einstehe und ich Ehrlichkeit selbst so sehr schätze. Natürlich immer ehrlich und respektvoll. Aber eben kein vorgeschobenes „Bauchweh”. Denn an einem „Gerade ist so viel los. Das wird einfach zu viel.” ist doch nichts verwerflich. Wer mit meiner Ehrlichkeit nicht umgehen kann, der ist dann auch nicht der Mensch mit dem ich mich langfristig umgeben möchte.

Lasst uns doch bitte viel häufiger sagen wie es wirklich ist. Dann ist auch nicht alles immer so furchtbar kompliziert.

Und wir könnten in unseren Köpfen wenigstens ein paar „offene Tabs” schließen.

Foto: Sophie Wolter


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