Life at 30: „Lass Dich umarmen“- „Nein“

In: Life at 30
life_at_30_susan_fengler_hamburg-2

Mein Leben wäre gerade so viel einfacher, wenn ich (wie so viele) die Pandemie einfach als Verschwörung abtun könnte. Oder sie wie einige „ab und an vergessen“ könnte. Stattdessen bin ich dauernd nur am „Nein“ sagen.

Langsam beginnen wieder die ersten Job-Termine. Und ich schwinge mich mit mulmigem Gefühl auf mein Fahrrad. Weil eine Ansammlung von Menschen, die nicht zu meinem direkten Umfeld gehören, ein seltsames Gefühl aufkommen lässt. Ich war noch nie ein Fan von „Bussi, Bussi“ und fünf Minuten später „Oh Gott, ich bin ja sooo erkältet“. Ich muss nicht jeden Menschen knutschen, mit dem ich auch nur entfernt arbeite. Aber so ist meine Branche eben.

Doch jetzt in der Pandemie-Situation fühle ich mich so oft unwohl. Oder bin ständig nur am Zurückweichen oder „Nein“ sagen.

„Lass Dich umarmen“

Nein, muss doch gerade wirklich nicht sein, wenn ich noch nicht einmal Deinen Nachnamen kenne.

Und ich bin immer die erste, die einen Schritt zurück macht, um ein wenig Abstand zu wahren. Ständig habe ich in dieser „neuen Realität“ das Gefühl für mich einstehen zu müssen. Oft kommt das „Nein“ aber nicht so leicht über die Lippen. Ist auch ein bisschen unhöflich. Aber langsam lerne ich, dass mir das egal sein muss, damit ich mir danach nicht den Kopf zermartere.

Ich lerne gerade jetzt für meine Bedürfnisse einzustehen

Unwohl. Wohlfühlen. Noch nie habe ich so oft über diese Worte nachgedacht, wie in den letzten Monaten und Wochen. Und noch nie habe ich mich unter Menschen so oft so unwohl gefühlt.

Bin doch eigentlich selbstbewusst und habe auch mal einen lockeren Spruch auf den Lippen. Aber gerade fällt es mir schwer mit all den „Ach ich seh das nicht so eng“-Menschen umzugehen.

Warum ist es an mir, Dir sagen zu müssen „Setz doch Deine Maske richtig auf. Und bitte nicht am Kinn“, wenn ich einfach nur beim Friseur bin? Warum ist es an mir eigentlich fremden Kollegen sagen zu müssen „Nein, ich will Dich gerade nicht umarmen“. Wie könnt Ihr die letzten Monate und die aktuelle Situation so ausblenden?

Gerade wünschte ich mir manchmal, dass all die Verschwörungstheoretiker (der Friseur entpuppte sich noch als so einer – gut, dass ich den Mund wegen der Maske aufgemacht habe) einen Sticker auf der Stirn tragen würden. Oder so einen Pfeil über dem Kopf wie in den Computerspielen. Damit ich – auch im Job – einen großen Bogen um sie machen kann, ohne es erst im Nachhinein herauszufinden, dass das „Ach ich sehe das nicht so eng“ noch viel weitere Kreise zieht.

Und wenn Du jetzt sagst „Warum stellt die sich so an?“, dann bitte mal die Fakten checken statt den Facebook Feed. Warum muss ich akzeptieren, dass ich mich wegen Dir so unwohl fühlen muss, nur weil Du das ja „alles nicht so eng siehst“?

Bild: Sophie Wolter


Diese Beiträge könnten dich auch interessieren

2 Kommentare

  • Lily

    15. August 2020 at 07:31

    Liebe Susan,
    Mir geht es genauso. Oft umarmen mich flüchtige Bekannte dann auch schon so schnell, dass ich gar nichts dagegen machen kann.
    Habe jetzt auch eine doofe Situation mit einer Feier. Bin auf einen 30er einer langjährigen Bekannten eingeladen mit vielen Leuten die ich nicht kenne und weiß nicht so recht was ich machen soll. Würde ihr zur Liebe natürlich hingehen aber bei dem Gedanken mit so vielen fremden Menschen zusammenzusitzen ist mir schon etwas flau im Magen.
    Bei Freunden finde ich es leichter, denn die kennen einen, akzeptieren ein Nein und man kann einfach man selbst sein, ohne das man Angst haben muss, dass sie böse sind. Aber bei Bekanntem finde ich es schwierig.
    Liebe Grüße
    Lily

    Antworten

  • Susan Fengler

    21. August 2020 at 15:43

    Hi Lily,
    ich habe auch schon einiges abgesagt, selbst berufliche Dinge, wenn ich mich in der aktuellen Situation nicht wohl damit fühle. Das kann gerade jeder verstehen und wenn ich ganz ehrlich bin, wenn es Bekannte von mir nicht verstehen und sauer sind, dann sind es vielleicht auch nicht die Menschen, denen wirklich viel an meinem Wohlbefinden liegt. Ich finde man darf gerade – wenn auch höflich natürlich – noch häufiger Nein sagen als sonst. Ganz ohne schlechtes Gewissen.
    Liebe Grüße!
    Sue

    Antworten

Hinterlasse ein Kommentar

Mit der Nutzung dieses Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten (Name und Email Adresse) durch diese Website einverstanden. Weitere Informationen findest du in der Datenschutzerklärung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen