Life at 30: Hätte mir das einer gesagt…

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Manchmal sitze ich hier und kann nur mit dem Kopf schütteln. Und dann schießt mir durch den Kopf: Hätte mir das einer gesagt.

Da sitze ich und versuche Worte für die Kolumne zu finden, die mein tägliches Leben mit Anfang dreißig beschreiben soll. Und da fällt mir dieser Moment ein. Eigentlich waren es in der letzten Zeit ein paar dieser Momente. In denen ich kopfschüttelnd da saß – manchmal lachend, manchmal etwas verzweifelt – und so bei mir dachte: Hätte mir das einer gesagt.

Was ich damit meine?

Hätte mir jemand am Silvesterabend, als wir alle so auf das neue Jahr geblickt haben, gesagt, dass 2020 so wird, wie es jetzt gerade ist. Mit meiner typischen Direktheit hätte ich ihm entgegen geschmettert – so stark und schnell wie Roger Federer einen Tennisball: „Du bist doch komplett bescheuert. Du hast wohl zu viele Hollywood-Katastrophenfilme gesehen.”

Ein Virus, das einfach mal so eben die ganze Welt lahm legt? Ja, genau! Da hätte ich eine Klimakatastrophe à la Blockbuster-Movie inklusive Verschanzen in der New Yorker Bibliothek (Ihr kennt den Film…) vermutlich noch für wahrscheinlicher gehalten.

Hätte mir das einer gesagt…

Stattdessen sitze ich jetzt so oft kopfschüttelnd da. Mal erschüttert, mal wie hier schmunzelnd. Hätte mir einer gesagt, dass ich nach drei Wochen ohne Klopapier im Supermarkt meines Vertrauens nach einem Einkauf um 8.30 Uhr triumphierend ein Klopapier-Foto an meine Mutter und meine besten Freundinnen schicke. Und eine Freundin antwortet: „Glücksmoment! Endlich keine Tempos mehr!” Ich hätte es nicht geglaubt.

Hätte mir einer gesagt, dass meine liebe Freundin, die ihr erstes Kind erwartet, nicht einfach die normale Nervosität vor der Geburt haben würde, sondern sich Gedanken machen muss, dass Ihr Mann sie nicht richtig ins Krankenhaus begleiten darf. Und nicht weiß, wann ihre Eltern das Enkelkind sehen können.

Hätte mir einer im Januar gesagt, dass unsere Wohnungssituation mir auf einmal komplett unwichtig sein würde. An alle, die nicht wissen, was ich meine: Wegen eines Wasserschadens müssen Böden der Neubauwohnung aufgerissen, ein Zimmer und das Bad saniert werden und wir müssen eine Zeit lang ausziehen. Worüber ich mich so sehr aufregte (weil es so vermeidbar gewesen wäre), ist jetzt in Anbetracht der aktuellen Situation geradezu eine Lappalie. Wenn doch so viele so viel größere Sorgen haben.

Hätte mir einer gesagt, dass ich mit Entsetzen nach New York blicke

Hätte mir einer gesagt, dass ich nicht mit Sehnsucht, sondern mit Entsetzen nach New York blicke. Und froh bin, dass meine Großeltern, dieses Jahr 2020 nicht mehr aus ihrem kleinen Haus in New Jersey erleben müssen.

Hätte mir einer gesagt, dass in unserer so starken Wirtschaft jetzt so viele um ihre blanke Existenz kämpfen müssen.

Hätte mir einer gesagt, dass wir in Deutschland Angst haben müssen, dass unser großartiges Gesundheitssystem zusammenbrechen und Kranke nicht ausreichend behandelt werden könnten.

Hätte mir einer gesagt, dass ich nicht einfach zum Geburtstag meiner Mutter in die Heimat fahren kann, um sie ganz fest zu umarmen.

Aber auch das hätte ich wohl nicht geglaubt

Doch ich muss auch sagen, dass ich nicht geglaubt hätte, wenn mir jemand gesagt hätte, dass wir alle in einer Krise so zusammenhalten können. So viel Solidarität zeigen. Ich hätte mit viel mehr Ellenbogen gerechnet, als mit metaphorisch ausgestreckten Händen.

Hätte mir einer gesagt, dass ich abends um 21 Uhr aus meinem Fenster heraus gemeinsam mit so vielen Nachbarn klatschen würde, um den vielen Helfern zu danken.

Ich hätte es ihm nicht geglaubt.

Bild: Sophie Wolter


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4 Kommentare

  • Annika

    10. April 2020 at 10:28

    Vielen Dank für diesen Blogbeitrag mit Gänsehautmoment, der es auf den Punkt getroffen hat und auch geschafft hat mein Gefühls- und Gedankenchaos im Kopf in Worte zu fassen.

    Antworten

  • Susan Fengler

    10. April 2020 at 11:59

    Hallo liebe Annika, vielen lieben Dank für diesen Kommentar, das bedeutet mir viel. Eine Freundin schrieb mir, dass sie auch Gänsehaut bekam. Ich sende Dir ganz liebe Grüße! Sue

    Antworten

  • Franzi

    10. April 2020 at 23:08

    Schöner Artikel, Sue – fasst es einfach so gut zusammen! Sonnige Grüße nach HH 🌞

    Antworten

  • Susan Fengler

    13. April 2020 at 10:57

    Hallo liebe Franzi – ganz lieben Dank! Das freut mich. Liebe Grüße, Sue

    Antworten

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