Starting over at 38: (Keine) Kraft
In: Life beyond 30
Personalausweis, bitte. Ich stehe am Flughafen und bevor ich den Ausweis aus der Hand gebe, fällt mein Blick auf das Foto. Nie in meinem Leben hatte ich mich so kraftlos gefühlt, wie in der Woche, als ich dieses Passbild machte.
Drei Tage nach dem Umzug. Zwei richtig schwere familiäre Jahre und dann noch dazu die Trennung nach einem halben Leben zusammen. Danach eine unheimlich kräftezehrende Wohnungssuche und Auflösung der alten Wohnung.
Ich stand im Amt vor der Kamera. Und drückte immer wieder auf den Auslöser. Brauchte viel zu lange. Aber ich sah mich nicht auf diesem Bild. Dieses ausgemergelte Gesicht. Nur Haut, die sich über Knochen spannt.
Einfach keine Kraft mehr.
Dass zwischen diesem Bild und dem Rückflug nach meinem ersten Single-Urlaub nur etwa drei Monate liegen, das kann ich kaum glauben.
Nach wochenlanger Gastritis und einer Zahl, die mich auf der neu gekauften Waage erschreckte (vorher hatte ich mir zum Glück nie über kg und Kalorien Gedanken machen müssen in meinem Leben). Da hatte ich wortwörtlich keine Kraft mehr. Und wegen viel zu wenig Protein wegen des schmerzenden Magens kaum noch Muskeln. Die aber für all das Ausmisten und Schleppen in der alten Wohnung so dringend gebraucht wurden. Alles tat weh.
„Ich kann nicht mehr“, flüsterte ich und brach in Tränen aus. Und dann eröffnete ich eine WhatsApp-Gruppe mit meinen Freundinnen. Sprang wie so oft in der Zeit über meinen Schatten und schrieb: „Könnt ihr einfach bitte vorbeikommen? Können wir zusammen kochen? Kann jemand aussortieren helfen? Kann einfach jemand abspülen?“
Ich. Die „Strahle-Sue“. Powerfrau. Die immer alles easy organisiert. Alles schafft. Alles scheinbar spielend leicht hinbekommt. Mir fehlte in jeder Hinsicht die Kraft.
Die Ärztin riet mir zu Zucker-Milch-Drinks aus der Apotheke. Ich ignorierte sie. Ließ mir Physio aufschreiben und später Physio-Krafttraining. Fünf Mal Essen und Snacks am Tag (immer noch). Gab in einem Vierteljahr so viel Geld für Mandelmus, Cashewmus, Avocados und die gesunden Keks-Versionen aus, wie andere in einem ganzen Jahr nicht.
Als ich einzog, konnte ich kaum die schwere Haustür aufmachen. Bat jede Freundin, die in die neue Wohnung kam, zusammen mit mir den Müll runterzubringen. Zu schwer.
Nicht nur die schwerste Zeit. Alles war mir in dieser Zeit im wahrsten Sinne zu schwer.
Drei Monate später, drückt mir die Physio grinsend beim wöchentlichen Krafttraining eine Hantel in die Hand als ich Squats mache. „Es ist so schön zu sehen, wie kräftig deine Beine geworden sind.“ Ich sehe es auch. Fühle es aber noch mehr.
Im Urlaub mache ich Yoga-Kurse mit, ohne groß darüber nachzudenken. Geh sogar allein ins Hotel-Gym, mache meine Übungen, weil sie mir so viel mehr geben als nur Muskeln. Wuchte meinen Koffer vom Bett, ohne Hilfe.
Endlich wieder Kraft. Endlich wieder mein Gesicht im Spiegel. Endlich wieder in alle Jeans passen. Endlich wieder die Zahl auf der Waage, die ich von früher kenne.
Und mit der körperlichen Kraft, da kommt auch die innere.
Ganz langsam. Als würde ich auch hier jeden einzelnen Muskel neu aktivieren. Während ich das schreibe, laufen die Tränen.
Wieder mehr Power zu haben, heißt nicht nur hart zu sein, sondern vor allem innerlich wieder weicher werden zu dürfen.
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