Das war wie ein ganzes Leben.

In: Life beyond 30
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Ich fürchte mich vor meiner eigenen Transparenz. Für meinen Neuanfang mit 38, dieses Jahr und vielleicht sogar die letzten Jahre, Worte zu finden. Habe das Gefühl, wenn ich einmal anfange, über diese Achterbahn aus „so stolz auf mich“, Chaos und Angst zu schreiben, dann wird alles aus mir herausfließen. Nicht nur die Tränen. Ich will mich sortieren und (wie ich es liebe) alles kontrollieren. Denn in diesem Jahr ist nichts mehr sicher, nichts mehr wie es vorher war.

Alles neu.

„Ich bin jetzt wirklich Single“, sage ich ungläubig zu einer Freundin. „Das letzte Mal, als ich Single war, da gab es noch keine Dating Apps.“ Das letzte Mal, als ich Single war, da war ich noch gar nicht erwachsen. Dachte ich mit Zwanzig zwar, aber eigentlich, wusste ich noch gar nicht, wer ich bin. Wollte gefallen. Strengte mich an jemand „zu werden“. Im Studium und dann im Job.

Ich hatte diese Vorstellung von meinem Leben. Einem Job, der mich erfüllt. Nicht Heidelberg oder die Gegend, in der ich aufwuchs, sondern Großstadt. Einem Partner. Reisen, ganz viel erleben. Heiraten. Kinder und ein Haus im Grünen, das war allerdings nie Teil meiner Vision.

Offiziell bin ich noch verheiratet, schießt es mir gerade durch den Kopf. Diese Ambivalenz. Single sein und gleichzeitig verheiratet. Dieses seltsame „Dazwischen“.

Vor kurzem lief „Der Teufel trägt Prada“ in den Kinos, wie das letzte Mal als ich Single war. Als gäbe es eine Klammer um diese ganze Lebensphase. Alleine nach Hamburg für den ersten Job. Kurzer Zwischenstopp: Basketball-WG. Gemeinsame Wohnungen in Hamburg. GRAZIA Digital-Leitung. Blog-Selbstständigkeit. Beziehung, Hochzeit und Ehe. Reisen um die Welt. Das war wie ein ganzes Leben.

Und jetzt?

Ehrlicherweise hatte ich schon seit Jahren Lust auf einen Neuanfang. Warf immer mal wieder Auswanderungs-Abenteuer ans Meer in den Raum. Hatte aber keine präsentable Realität. Also blieb es Hamburg. Wurde dann zu Hamburg und Mannheim. Wegen seines Jobs. Zwei Wohnungen. Mein erstes Buch schreiben im ICE. Viel Distanz zwischen diesen beiden Städten.

Und im letzten Sommer sagte ich zu meiner Freundin auf einem Boot mitten auf dem See in Südtirol: „Ich habe da so ein Gefühl. Am Ende ist er in Mannheim und ich bin in Hamburg“. Genau so kam es.

So klar war das aber lange nicht und ich wurde in ein unglaubliches, emotionales Auf und Ab geworfen. Am Ende ist es gut, so wie es jetzt kam. Kein Rosenkrieg. Aber der Weg bis zu diesen Worten auf der Tastatur kostete mich viel Kraft. Die ich nach zwei familiär unglaublich herausfordernden Jahren für mich leider nicht genügend hatte.

„Wie du das alles schaffst!“ Die letzten Monate waren ohne melodramatisch zu sein, die härtesten meines Lebens. Wohnungssuche als Selbstständige in Hamburg bei -5 Grad fühlte sich nicht nur deshalb an, wie durch den eiskalten Wind laufen. Eine 130 qm Wohnung auflösen zu müssen, ja das ist privilegiert, aber auch vor allem: anstrengend. Meine Mental Load Liste war noch nie so lang. Ich brauchte gleichzeitig mehrere To-do-Listen, die all meine Stressmanagement-Tools verlangten. Ich musste da so richtig durch. Ich war die, die das Hochzeitsgästebuch und die Bilder wegpacken musste. Das wird sich hoffentlich mental irgendwann auszahlen. Gerade präsentiere ich dir kein perfektes instagramable Glow Up. Sondern: voilà, la réalité.

Während ich das alles schreibe, sitze ich an meinem neuen Tisch in „Sue-Blue“ in einer Wohnung, die mir nach Einzug mal wieder einen Wasserschaden bescherte. Beinahe wie jede Hamburger Wohnung bisher (ein Zeichen?). Mir mit einem Unternehmen, das ein Fehlgriff beim Umzug war, die ersten Schritte nicht leicht machte. Es ist vielleicht Galgenhumor, aber irgendwann kommt auch diese „Ach, das jetzt auch noch“-Lethargie.

Ich finde gerade langsam zurück in meine Kraft. Wortwörtlich. Beschäftige mich mit meiner Identität. Wer bin ich und wer bin ich, wenn wir mal alles wegnehmen.

Zwischendurch schüttele ich immer wieder ungläubig den Kopf. Bin so unfassbar stolz auf mich. Nicht nur darauf, wie ich alles organisiert und geschafft habe. Sondern auch, dass ich immer und immer wieder meine Freundinnen um Hilfe gefragt habe, als ich wirklich nicht mehr konnte.

Zwischendurch blicke ich (ich bin auch nur ein Mensch) mit einer Spur Neid auf andere. Die ihre Trennungs-und-Auswanderung-Stories teilten, nachdem sie sich wochen- oder monatelang aufpäppeln ließen. Verkriechen konnten.

Zwischendurch Erschöpfung und Angst. Ich muss noch so vieles neu aufstellen. Will mich eigentlich seit Jahren beruflich neu sortieren. Vermisse die Arbeit im Team. Will nicht mehr allein im Home-Office sitzen tagein tagaus. Brauche dafür aber erst einmal wieder Kraft. Frage mich zwischendurch, wie kraftlos ich mich zeigen darf, beschließe dann aber wie immer ehrlich zu sein. Andere in Stressmanagement und Resilienz zu coachen, bedeutet schließlich nicht, selbst nie Stress zu haben. Und bei einem Workshop in Südtirol bewies ich mir selbst wieder einmal vor kurzem, wie sehr ich – selbst in dieser Phase gerade – genau das kann und will.

Mein Weg ans Meer, der kommt vielleicht noch. Gerade muss Hamburg als Hafen herhalten. Als hin zu. Für immer? Ich glaube nicht. Während ich das schreibe, sehe ich ganz kitschig zwei Heißluftballons am Himmel. Von meinem blauen Tisch aus. Hamburg zeigt mir an diesem Sommerabend, das ich gerade hier richtig bin.

Nichts ist sicher. Alles ist neu. Aber irgendwann wird das 50-50 nicht wie gerade immer weitere Herausforderungen für mich bereithalten, sondern es wird leichter.

Was sich schon so viel leichter anfühlt als vorher: die Verbindung, die ich priorisiere. Die vielen Treffen. Gespräche. Erlebnisse. Der Austausch.

Ich kann dir keinen 5-Jahres-Plan präsentieren heute. Weiß nicht mal, wie es in den nächsten Monaten konkret weitergehen wird. Aber vielleicht ist das ja gerade die wahre Freiheit.

Bild: Sophie Wolter (die immer da ist…)


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1 Kommentare

  • Sarah

    23. Juni 2026 at 22:46

    Das hast du so wundervoll geschrieben. Ich bin stolz auf dich, da ich weiß, dass auch diese Kolumne ein ganz wichtiger Schritt ist. ❤️

    Antworten

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