Sind wir die neuen Spießer?

In: Lifestyle
Spießer Kolumne

Wir ziehen uns Hippiekleider an und stellen Wildblumen auf den Tisch. Aber hinter der lässigen Fassade sind wir eigentlich ziemliche Spießer.

Abends auf der Fashion Week in Berlin habe ich mich bei einem Glas Wein mit einer guten Kollegin unterhalten. Neben dem Job ging es auch über Verlobung und Hochzeit. Plötzlich war die Romantik weg. „Aber macht jetzt nicht alles kaputt, wofür wir gekämpft haben.“

Was sie damit meinte? Emanzipation. Die Frau soll doch selbstbewusst und möglichst erfolgreich im Job sein. Und nicht wieder von der Frau hinterm Herd abgelöst werden. Hatte ich vorher gar nicht drüber nachgedacht. Woher ihre Angst kam? Unsere heutigen Ideale sind genau betrachtet wirklich ziemlich oldschool. Wir sehen uns gern selbst als individuell und modern. Eigentlich sind wir doch aber ziemliche Spießer. Nur ohne Rasen kürzen mit der Nagelschere…

Warum wollen wir das Spießer-Leben? Verlobung, Ehe und Eigentumswohnung?

Vor ein paar Jahren waren Verlobung und Heiraten total out. Heute boomt der Hochzeitsmarkt. Fragt mal Eure Mütter! Die 68er würden sich wahrscheinlich bei unseren heutigen Träumen die locker geflochtenen Haare raufen. Auch ich kann mir kaum etwas Schöneres vorstellen als zu heiraten. Als nächsten Schritt dann vielleicht in ein paar Jahren eine eigene Wohnung zu haben. Nicht nur für mich der Lebenstraum. Klingt aber auch etwas spießig oder?

Wir brauchen einfach dieses Sicherheitsgefühl

Man könnte allerdings das Wort Spießer auch durch Sicherheit ersetzen. Warum sehnen wir uns so sehr nach all dem? Weil es uns Sicherheit gibt. Wir sind in einer Welt aufgewachsen, in der es keine festen Jobs mehr gibt. Jahrzehnte bei einem Unternehmen wie unsere Dads? Erscheint undenkbar. Jeden Tag Terror-Anschläge in den Nachrichten. Nirgendwo ist man mehr sicher. Vielleicht sind wir also gar keine Spießer, sondern „Sicherheits-Sucher“?

Ich finde: Gegen ein wenig Spießigkeit ist nichts einzuwenden. Solange die Selbstverwirklichung nicht dabei drauf geht! Ich freue mich auf mein Spießer-Leben. Und das muss ja nicht gleich hinterm Herd stattfinden…

Pic: Dennis Kayser



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